AVT-College für Osteopathische Medizin

Leibnizstrasse 7 . 72202 Nagold

"Niemals war
                mehr Anfang als jetzt"
 
                                                                                                                       Walt Whitman (1819-1892)

Exkursion auf die Schwäbische Alb

24.08.2016: Im Rahmen des Moduls „Medizinethik“ führte eine Studiengruppe des AVT-College eine Exkursion in die Kulturlandschaft des Biosphärengebiets der Schwäbischen Alb durch. Wenngleich das sommerliche Wetter und die reizvolle Landschaft an sich schon Grund für den Ausflug gewesen wären, so war das eigentliche Ziel jedoch die Gedenkstätte Grafeneck. Diese erinnert seit dem Jahr 1990 an die Opfer der Euthanasie Aktion „T4“ des NS-Regimes. Gemeinsam mit dem Modulverantwortlichen Herrn Pfarrer Stephan Zilker und dem Studienleiter Prof. Beck konnten die Studierenden mit dem Leiter der Gedenkstätte, dem Historiker Herrn Thomas Stöckle, die Hintergründe der Aktion diskutieren, die zwischen Januar und Dezember 1940 zur Ermordung von 10.654 geistig behinderten und psychisch kranken Menschen auf Schloss Grafeneck geführt hatte. Planmäßig wurde diese zeitgleich in 6 Tötungsanstalten im Deutschen Reich und Österreich umgesetzt. Bei genauer Analyse der historischen Prozesse zeigt sich, dass nicht, wie vielfacht gedacht, rassenhygienische Gedanken für die Vernichtung verantwortlich gewesen sind, sondern vielmehr wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund standen. Dazu entwickelten die Verantwortlichen in Berlin eine perfide Propaganda welche selbst Ärzte in dem Glauben die Volksgesundheit zu schützen zu Mittätern machte. Wenngleich die Schuldigen für diese Verbrechen nicht in unserer Generation zu suchen sind, ist Erinnern wichtig denn auch heute greifen wirtschaftliche Überlegungen in medizinische Entscheidungsprozesse ein (Transplantation von Organen) und machen Ethik zu einem unverzichtbaren Element unseres Entscheidens und Handelns. Allen die nicht an dieser Exkursion teilnehmen konnten sei ein Besuch der Gedenkstätte sehr empfohlen.

Die Osteopathische Terminologie:

Eine Kommunikation zwischen medizinischen Disziplinen wird möglich wenn die am Informationsaustausch beteiligten Personen eine gemeinsame Terminologie als Grundlage der interdisziplinären Diskussion verwenden. Während diese Voraussetzung der Kommunikation zwischen den meisten medizinischen Fachgebieten überwiegend problemfrei funktioniert ist diese weder in der Binnenkommunikation zwischen Osteopathen noch zwischen der Osteopathie und anderen medizinischen Fachbereichen als „barrierefrei“ einzustufen. Aus diesem Grunde ist es wichtig die von der American Academy of Osteopathy erstellte „Glossary of Osteopathic Terminology“ (2011) für Fragen einer korrekten und einheitlichen Terminologie zu verwenden (Download des Glossary [5.627 KB] ).

Die Osteopathie in der Gynäkologie:

In der Juni-Ausgabe des Journals „Complementary Therapies in Medicine“ veröffentlichte die Autorengruppe Ruffini et al. ein systematisches Review zur Anwendung und den Therapieeffekten der Osteopathischen Manuellen Therapie (OMT) bei Frauen mit gynäkologischen Erkrankungen und schwangerschaftsbedingten Rückenschmerzen (Ruffini, N., D'Allessandro, G. & Cardinali, L., 2016. Osteopathic manipulative treatment in gynecology and obstetrics: A systematic review. Complimentary Therapies in Medicine, Issue 26, pp. 72-78.).
Über die Literaturdatenbanken MEDLINE, Embase und Cochraine konnten 24 klinische Studien mit insgesamt 1840 Patienten in das Review eingeschlossen werden. Diese untersuchten den Einfluss von OMT auf lumbalen Rückenschmerz während der Schwangerschaft, die Schmerzintensität unter der Geburt und den Einsatz von Medikamenten während der Geburt sowie die Wirkung von OMT bei Patienten mit Infertilität, Dysmenorrhoe, (peri)menopausalen Beschwerden und Beckenschmerzsyndromen.

Ein positiver Effekt der Osteopathie konnte lediglich für die Behandlung lumbaler Rückenschmerzen während der Schwangerschaft nachgewiesen werden. Bei allen anderen Indikationen konnte kein positiver Einfluss auf die untersuchten Beschwerden durch eine osteopathische Behandlung belegt werden. Nur in 3 Studien wurde über unerwünschte Nebeneffekte berichtetet. Die Autoren führen das Ergebnis ihrer Übersichtsarbeit unter anderem auf die methodischen Fehler und die geringen Fallzahlen der einzelnen Studien zurück und fordern neue Studien mit einem korrekten Studiendesign und einem besseren Reporting. Der Review ist für die Studierenden am AVT-College im Original in der Literaturdatenbank auf der e-Learning Plattform ILIAS verfügbar.

Förderung von Kindern mit Lese- und Rechtschreibstörung:

Immer häufiger stellen in den letzten Jahren Eltern ihre Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibstörung (LRS) in osteopathischen Praxen vor und erhoffen sich durch die Osteopathie Hilfe für die betroffenen Kinder.
Bei einer LRS handelt es sich um eine ernstzunehmende Störung der schulischen Entwicklung der Kinder die sich nicht selten auch auf die psychosoziale Entwicklung des Kindes auswirkt. Die Diagnose einer LRS sollte mittels geeigneter Testverfahren (Diskrepanz zur Alter- und / oder Klassennorm außerhalb der ersten Standarddeviation) möglichst früh gestellt werden. Eine eventuelle Komorbidität der LRS mit Störungen des Seh- und des Hörvermögens sollte ausgeschlossen werden. Die Therapie der LSR sollte leitlinienorientiert mit dem Training des phonologischen Bewusstseins und der Buchstaben-Silben-Morphemsynthese sowie systematischen Lese- und Rechtschreibübungen durch ausgebildete Therapeuten im Einzel- oder im Gruppensetting erfolgen.
Für die Anwendung der Osteopathie bei LRS gibt es bislang keinen Wirkungsnachweis. Denkbar ist die osteopathische Behandlung funktioneller Störungen welche sich in Form von häufigem Kopfschmerz und mangelhafter Entwicklung der aufrechten Körperhaltung zeigen können. Dabei muss allerdings im Verständnis der Entwicklung eines verantwortungsbewussten Therapieauftrags von Seiten des Osteopathen explizit darauf hingewiesen werden, dass damit nicht die LRS behandelt, sondern negativ intervenierende Faktoren des Förderungsumfeldes Ziel der Behandlung sind. Dies erscheint umso wichtiger als die Förderung der betroffenen Kinder keine zeitliche Verzögerung erlaubt und bis zum Erreichen des alters- und klassenorientierten Leistungsniveaus anhalten muss.

Download einer Metanalyse von K. Galuschka über die Diagnose und Behandlung von LRS [512 KB]
Download der S-3-Linie zur Diagnose und Behandlung von LRS [1.433 KB]

Die Dysfunktion zervikaler Arterien:

Die strukturelle Veränderung der Arterien welche das Gehirn versorgen, die cervical artery dissection (CeAD), bedarf im Zusammenhang mit der Anwendung von osteopathischen manuellen Techniken (OMT) im Bereich der Hals- und Nackenregion sowie des zervikothoraklen Übergangs einer differenzierten Betrachtung um eventuelle Risiken in der Behandlung zu erkennen und geeignete Maßnahmen und Entscheidungen im Sinne des Clinical Reasoning (CR) zu ermöglichen.

Wenngleich verschiedene Publikationen der letzten Jahrzehnte zeigen konnten, dass die statistische Wahrscheinlichkeit für das Auftreten zerebraler Perfusionsstörungen nach der Anwendung von OMT erhöht ist, konnte bislang ein kausaler Zusammenhang zwischen der Anwendung von manuellen Mobilisationstechniken der Hals- und Brustwirbelsäule und einer akuten Durchblutungsstörung des Gehirns nicht zweifelsfrei belegt werden. Epidemiologische Daten aus den USA lassen vermuten, dass die jährliche Inzidenz für eine CeAD bei 2,6 von 100.000 Personen liegt. Davon sind zirka 61% spontane Dissektionen, 30% sind die Folge von Traumata und 9% entstehen in Zusammenhang mit der Behandlung der Halswirbelsäule. Es ist davon auszugehen, dass sich Letztere auf der Basis bereits vorgeschädigter Gefäße entwickeln. Dabei verteilen sich die CeAD auf die Arteria carotis interna (ICA) und die Arteria vertebralis (VA) im Verhältnis 2:1. Ein Team australischer, neuseeländischer und englischer Osteopathen hat unlängst ein Review im International Journal of Osteopathic Medicine zu diesem Thema veröffentlicht (Vaughan B, et al., Manual therapy and cervical artery dysfunction: Identification of potential risk factors in clinical encounters, International Journal of Osteopathic Medicine. 2016). Die Autoren kommen zu der Ansicht, dass zirka 45% aller ernsthaften Zwischenfälle hätten vermieden werden können, wenn eine adäquate Anamnese und Untersuchung der Patienten durchgeführt worden wäre. Dieser Aspekt gewinnt unter dem Hintergrund der Tatsache, dass die initialen Symptome einer CeAD mit unspezifischen Nacken- und Kopfschmerzen einhergehen und somit eine muskuloskelettale Dysfunktion vortäuschen können besondere Bedeutung.

Die in der klinischen Untersuchung der Zervikalregion häufig angewandten „Sicherheitstests“ für die VA (De Klejn-Test und Wallenberg-Test) sind in den meisten Fällen selbst bei Patienten mit einer diagnostizierten vertebro-basilären Insuffizienz (VBI) nicht positiv (Thiel H, et al, Effect of various head and neck positions on vertebral artery flow, Clin.Biomech, 1994;9: 105-110) und vermitteln somit im Falle eines negativen Tests eventuell eine falsche Sicherheit.

Somit ist die Bedeutung von red flags für eine möglicher Weise bestehende CeAD im klinischen Alltag von überragender Bedeutung. Im Falle von Symptomen welche durch eine CeAD ausgelöst werden können sollte eine Duplex- bzw. Doppler-Untersuchung der gehirnversorgenden Arterien, wie sie im C-Modul der Sonographie-Kurse am AVT-College gelehrt wird, durchgeführt werden. Wenngleich auch diese nicht in jedem Falle eine VA-Dissektion zu diagnostizieren vermag (Sturzenegger M, et al, Ultrasound findings in Spontaneous Extracranial Vertebral Artery Dissection, Stroke, 1993;24: 1910-20) ist eine VBI durch die Analyse der Wellenform des Dopplers und die Bestimmung der Blutflussgeschwindigkeit erkennbar und kann somit einen wesentlichen Beitrag zur Früherkennung bestehender Risiken bieten. Die Publikationen stehen den Studierenden des AVT-College über ILIAS zur Verfügung.

Muskel-Trigger-Punkte – eine Fiktion oder Realität?

Im Rahmen der manuellen osteopathischen Behandlung von Funktionsstörungen des Stütz- und Bewegungsapparats wird Muskel-Trigger-Punkten (TP) eine wesentliche Rolle in der Entstehung und Übertragung von Schmerz zugeordnet. Seit der Erstbeschreibung dieser Schmerzmaximalpunkte durch Janet Travell zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurden die verschiedensten manuellen (Positional Release, Spray and Stretch), apparativen (Stoßwellentherapie) und invasiven (Dry Needling und Injektion) Therapiekonzepte zur Behandlung der TP entwickelt und mit nicht unerheblichem klinischen Erfolg auch in der Behandlung der Patienten eingesetzt.
Parallel dazu wurden im Laufe der Jahre unterschiedliche Erklärungsmodelle hinsichtlich der Frage „Was sind Muskel-Trigger-Punkte und wie wirkt deren Behandlung?“ entwickelt. Keine dieser unterschiedlichen Theorien konnte jedoch bis zum heutigen Tage die Ätiologie und Pathogenese der TP wissenschaftlich wirklich erklären. Weder bildgebende Verfahren (MR und Sonographie) noch biochemische Analysen und Biopsien waren in der Lage diese Fragen nachhaltig und verlässlich zu beantworten. Wenngleich es in verschiedenen Studien der letzten Jahre gelungen ist mittels der Strain Elastographie (einer neuen Methode der Ultraschalldiagnostik) die bislang nur durch Tasten erfassbaren TP in der Muskulatur sichtbar und deren Veränderung unter der Behandlung zu belegen, bleibt ihre Pathoätiologie weiterhin unklar. Wer sich nun auf den Standpunkt stellt „wer heilt hat Recht“ und die genauen Ursachen für die Entstehung der TP und ihre Pathoätiologie sei in diesem Falle nicht von Belang, der muss sich fragen lassen wie man die Heilung eines TP durch die unterschiedlichen Behandlungsfahren denn definiert, wenn man nicht einmal mit Sicherheit weiß was ein TP ist – denn eines ist sicher – man kann „Heilung“ nicht an der Schmerzreduktion festmachen. In der Fülle der vorhandenen Literatur zu diesem Thema sind zwei Arbeiten aus den Jahren 2014 und 2015 für jeden Osteopathen der sich mit der Behandlung von Muskel-Trigger-Punkten befasst ein absolutes Muss. In seinem kritischen Review erläutert John L. Quintner (2014) die Schwachstellen im theoretischen und therapeutischen Konzept der Muskel-Trigger-Punkt-Behandlung. Als Antwort auf diese Arbeit verteidigen Jan Dommerholt und Robert D. Gerwin die bestehenden Konzepte ohne jedoch die Bedenken von Quintner wirklich ausräumen zu können. Bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil!

A critical evaluation of the trigger point phenomenon; John L. Quintner, (2014) Download [142 KB]
A critical evaluation of Quintner et al: Missing the point; Jan Dommerholt, Robert D. Gerwin, (2015) Download [602 KB]

Funktionsstörungen des Kiefergelenks und ihre Ursachen:

Schmerzhafte Funktionsstörungen des Kiefergelenks die mit einem Defizit der Mundöffnung und der Medio- sowie Protrusion einhergehen, können durch ein Internal Derangement im Kiefergelenk (eine partielle bzw. komplette Verlagerung des Diskus) bedingt sein. Nicht jedes Bewegungsdefizit des Kiefergelenks ist jedoch auf eine solche pathologische Relation zwischen dem Condylus des Unterkiefers und dem Discus articularis zurückzuführen. Da im Falle einer akuten Funktionsstörung im Kiefergelenk eine interdisziplinäre Versorgung der Patienten, zwischen Osteopath und Zahnarzt, aber ganz entscheidend davon abhängt ob es im Einzelfalle zur einer Verlagerung des Diskus gekommen ist oder aber die Störung der Unterkieferbeweglichkeit durch eine entzündliche Veränderung des Kiefergelenks bzw. der Kaumuskulatur (nicht selten verursacht durch eine Parafunktion) bedingt ist, sollte möglichst kurzfristig eine Bildgebung des Kiefergelenks eine Diagnosesicherheit ermöglichen.
Wenngleich die MR-Untersuchung des Kiefergelenks nach wie vor Gold-Standard ist, so konnten doch Studien der letzten Jahre eine sehr gute Sensitivität und Spezifität der hochauflösenden Kiefergelenkssonographie in der Diagnostik von Diskusverlagerungen im Kiefergelenk belegen.
In der Osteopathie-Ausbildung am AVT-College erlernen die Studierenden sowohl die klinische Untersuchung des Kauapparats als auch, in speziellen Modulen, die Sonographie des Kiefergelenks. So wird eine fachliche Kompetenz und Expertise als Grundlage einer interdisziplinären Versorgung der Patienten entwickelt.

Modul: Kiefergelenk und CMD
Modul: Sonographie des Kiefergelenks

Ein Studium der Osteopathie am College ermöglicht Ihnen:

  • die Osteopathie wissenschaftsorientiert und zugleich praxisnah zu erlernen
  • zwischen unterschiedlichen Ausbildungswegen zu wählen
  • von hochschulqualifizierten Dozenten unterrichtet zu werden
  • sich mit einen Hochschulabschluss (BSc und MSc) für die Zukunft zu qualifizieren

Entscheiden Sie sich jetzt für einen Beruf der Zukunft und starten Sie mit Ihrer Ausbildung.

Lehrveranstaltungen im Sommersemester: